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Das Gefängnis
Geführte Imagination


Das Gefängnis ist groß, viele Menschen wohnen darin. An ihren Zimmern sind schwere Türen mit Gittern. Auch die Fenster sind vergittert. Überall Wärter mit Waffen und Uniform.

Mittags siehst du Gefangene beim Rundgang im Hof. Sie gehen im Kreis, alle mit derselben Geschwindigkeit. Manche gehen zu zweit, zu dritt. Die Wärter stehen am Rand in Gruppen zusammen. Sie beobachten die Gefangenen und schweigen.

Hinter einer kleinen Mauer am Hof liegen die Gärten. Manche Gefangene verbringen den Mittag hier. Sie jäten Beete, sie säen, sie brechen Blumen und stellen sie zu Sträußen zusammen, sie gießen, sie ernten Gemüse, sie pflücken Obst von Büschen und Bäumen.

Manche Gefangenen singen bei der Arbeit in den Gärten oder bei der Runde im Hof, andere schweigen; manche lächeln, andere zeigen ein bitteres Gesicht. Die Wärter sagen nie etwas. Jeder Gefangene scheint seinen Platz zu kennen.

Jeden Morgen nach Wecken und Frühstück ist die Revolte. Die Gefangenen rotten sich zusammen. Sie drängen die schweigenden Wärter zurück und schwärmen durch alle Gebäude. Sämtliche Türen werden geöffnet. An manchem Morgen dringen Gefangene bis in die Zentrale vor. Dann wird die Absetzung der Gefängnisleitung verkündet. Du siehst, wie frohe Gefangene ein Spalier bilden, durch das Menschen in Uniformen mit hängenden Köpfen davongehen. Nach der Revolte sind die Vormittage sehr arbeitsam. Die Zimmer werden neu tapeziert, die Gänge gebohnert, die Gitter entrostet und neu gestrichen. Nach dem Mittagessen dann wieder die Runde im Hof oder die Arbeit in den Gärten.

Du gehst durch die Gebäudekomplexe und betrachtest dir alles genau. Du siehst die Steine im Hof, abgetreten von den Schuhen endloser Generationen und ihren mittäglichen Runden. Du siehst die Blumen in den Gärten. Sie blühen frei im Licht.

In einem der Beete liegen wuchtige Steine, Du hebst den Blick und siehst, dass sie aus der Mauer stammen, die das Gefängnis umgibt. Die Mauer ist an dieser Stelle eingefallen, der Stacheldraht hängt zerrissen an den Seiten herab. Du steigst über den Mauerdurchbruch. Vor dir erstreckt sich ein Wald. Ein Pfad geht, verliert sich irgendwo zwischen den Bäumen. Du drehst dich um und schaust auf das Gefängnis zurück. Die Menschen arbeiten versunken in den Gärten. Eine Amsel singt, irgendwo hinter den Mauern verborgen. Du wendest dich ab und gehst den Pfad, hinein in die offene Welt.

 

Alle Texte entstammen der Publikation: Friebel, Volker: Innere Bilder. Imaginative Techniken in der Psychotherapie. Walter, Düsseldorf, 2000.

Überarbeitete Neuausgabe: Volker Friebel (2012). Innere Bilder . Imaginative Techniken im Alltag und in der Psychologie. Tübingen: Edition Blaue Felder. PapierBuch: 167 Seiten, 24,90 Euro; eBuch: 373.000 Zeichen, 17,99 Euro.

 

 


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Aktuell 03.11.2017 auf www.Entspannung-plus.de