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Schlittenpost
Entspannungsgeschichte

 

Du gehst über deine verschneite Wiese und fühlst dich warm und gut. Dein Atem geht ein und aus, ein und aus, ganz ruhig und gleichmäßig, ganz von allein ... Schnee knirscht unter deinen Schritten. Ganz unmerklich mischt sich noch ein weiteres Geräusch hinein, ein silbernes, helles Glockengebimmel, wie aus weiter Ferne, das aber schnell näher kommt.

Du bleibst stehen, um besser hören zu können, woher das Klingen denn stammt. Einmal im Kreis drehst du dich. Ganz nah ist es schon. Dröhnen und Stampfen und Schnauben hörst du. Und da kommt ein Schlitten, gezogen von vier Rentieren, aus dem Wald hervor, fährt über die Wiese und bleibt gerade vor dir stehen.

„Hallo”, ruft ein großer Mann mit weitem rotem Mantel und einem gewaltigen weißen Bart, in dem die Schneeflocken blitzen. „Dacht ich mir doch, dass ich dich hier finde. Wer ich bin, wirst du wohl wissen. Ich hab dir etwas mitgebracht.”

Das klingt freundlich, und so gehst du näher an den Schlitten heran. Du streichst einem der Rentiere über den Kopf und schaust, was der Schlitten alles geladen hat. Massen von Paketen sind dort gestapelt, Säcke mit Nüssen und Mandarinen, Lebkuchen quellen aus einer Kiste. Die armen Rentiere tun dir fast Leid, so viele Geschenke müssen sie transportieren.

Der Mann springt aus dem Schlitten in den Schnee und lacht, als er deine Blicke sieht. „Nein, davon ist heute nichts für dich, diesmal habe ich dir nämlich etwas ganz Besonderes mitgebracht, und die besten und wichtigsten Dinge auf der Welt sind unsichtbar, die können nicht verpackt und nicht angefasst werden”, sagt er.

„Was ist es denn?”, fragst du.

„Jeder Mensch hat etwas in sich wie einen Edelstein”, sagt der Mann. „Aus dem kommt alle Kraft, und der ist unzerstörbar, der kann durch nichts verletzt werden. Normalerweise merkst du davon gar nichts. Aber vielleicht hast du es schon einmal gespürt, vielleicht in einem Unglück, als es dir sehr schlecht ging und deine Kraft immer weniger wurde. Da zeigt er sich dann, wenn du in dich hineinhörst. Da zeigt er sich, denn diese Kraft wird nicht schwächer, wenn es dir schlecht geht, sondern immer stärker und stärker.”

„Ja”, sagst du, „das stimmt. Das hab ich auch schon gespürt. Aber schenken kannst du mir das nicht, denn du sagst ja selbst, das habe ich schon.”

„Ja”, lacht der Mann, „aber meistens denkst du nicht dran. Zur Erinnerung gebe ich dir nun einen Spruch. Den kannst du dir merken und immer daran denken, wenn du Kraft brauchst.”

„Und wie geht der Spruch?”, fragst du neugierig.

„Tief innen
ist alle Kraft drinnen”,

antwortet der Mann.

„Tief innen
ist alle Kraft drinnen”,

wiederholst du, um es dir besser merken zu können.

„Wenn du einmal Kraft brauchst, dann sag dir diesen Spruch vor und denke an diese Kraft tief in dir, denn du kannst immer davon nehmen, wenn du sie brauchst. Und keine Angst, sie wird nie weniger deshalb.”

Der Mann schwingt seine Hand, und etwas wie eine Wolke von blitzendem Schnee fällt auf dich. Du blinzelst, und es ist wieder verschwunden.

„Das ist ein gutes Geschenk”, sagst du.”

„Viel Glück”, sagt der Mann. Dann steigt er wieder auf seinen Schlitten, nimmt die Zügel des Rentiergespanns in die Hand und fährt los.

„Vorwärts, vorwärts”, feuert er seine Rentiere an. Die nicken dir noch einmal zu, schütteln die Geweihe, und ab geht die Post.

Du schaust dem Schlitten nach, bis er im Schneegestöber zwischen den Bäumen verschwunden ist. Eine Weile hörst du noch das helle Bimmeln der Schlittenglocken, dann ist auch das in der Ferne verklungen. Langsam gehst du über die Wiese wieder nach Hause.

 

 

Aus: Friebel, Volker & Sabine Friedrich: Entspannung für Kinder. Rowohlt Taschenbuch, Reinbek, Januar 2011, 173 Seiten, 8,99 Euro. (18. überarbeitete Auflage des Buchs von 1989.)

 

 

Aktuell: 18.04.2017 auf www.Entspannung-plus.de, eingerichtet: 07.10.2014
Alle Rechte bei Volker Friebel, Tübingen