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Kastanienleben
Fantasiereise


Der alte Kastanienbaum steht breit auf dem Hügel. Im Verborgenen zwischen den Blättern sind seine Früchte herangewachsen, in ihren stachlichten Schalen. Sie reiften im Dunkeln. Aber nun sind sie reif geworden und ahnen das Licht der Sonne.

Eine Windböe geht durch den Baum. Ein paar Stachelkugeln lösen sich und poltern durch das Geäst auf den Boden. Dumpf schlagen sie auf. Eine der Schalen springt auf und die braune Kastanie rollt heraus, ein Stückchen den Hügel hinunter. An einem Grasbüschel bleibt sie hängen.

Die Tage gehen dahin, und die Nächte. Die Sonne zieht ihren Bogen über den Himmel. Die Kastanie liegt immer nur da.

Tagelang hat es stark geregnet, alles ist aufgeweicht. Aber nun kommt die Sonne wieder heraus und macht die Welt freundlich und schön. Kinder sind unterwegs auf der Hügelwiese, sie wollen hoch zum Kastanienbaum. Ein Junge tritt zufällig auf die Kastanie am Grasbüschel. Er sieht sie gar nicht. Tief drückt sein Schuh sie hinein in die aufgeweichte Erde.

Die Erde hat sich über der Kastanie geschlossen. Da ruht sie nun, geborgen in warmer Dunkelheit. Tage und Wochen und Monate ziehen über ihr hin. Die Kastanie weiß nichts davon, sie fühlt nur die Kraft in sich, sie fühlt die Kraft rund in sich ruhen.

Monate gehen dahin und irgendetwas verändert sich. Das Erdreich wird wärmer. Es ist wie ein Murmeln, das durch die Erde geht.

Die Kraft in der Kastanie beginnt zu wachsen, wächst immer mehr an. Es ist wie ein Pochen, wie ein Pulsieren. Es ist eine Bewegung nun in der Kraft.

Eines Tages durchstößt die Kraft das Runde. Aus der Kastanie wächst ein Spross. Er findet sicher den Weg.

Bald durchstößt der Spross den Boden und sieht zum erstenmal Licht. Er wächst weiter, in diesem Licht, zwischen Gräsern und frühen Blumen. Zarte Blätter entfalten sich aus dem Spross.

Bald ist der Spross ein dünnes Stämmchen geworden, das steht da sicher im Licht. Die kleine Tochter des Bauern hat es zufällig entdeckt und aus einfachen Stecken und Draht einen Schutz um es herum errichtet, damit die Kühe es nicht anfressen. Der Bauer hat dazu gelacht, aber er sagte: „Das wird einmal Schatten für die Kühe geben.“ Das junge Kastanienbäumchen wächst weiter.

Der Frühling zieht hin, der Sommer, der Herbst. Im Winter fallen die wenigen Blätter des Kastanienbäumchens ab. Seine Kraft zieht sich wieder fast ganz ins Runde zurück.

Ein neuer Frühling kommt und das Wachstum geht weiter. Frühling auf Frühling folgt, das Bäumchen wächst höher und höher. Längst hat das Bauernmädchen ihre  Stecken um den Baum ersetzt und einen richtigen Schutz vor den Kühen errichtet. Die weiden in Blumen und Gras.

Viele Jahre sind vergangen und die Kühe liegen im Schatten unter dem Baum. Der Bauer ist gestorben und das Mädchen von damals ist eine schon nicht mehr junge Frau. Sie bewirtschaftet nun mit ihrem Mann den Hof. Manchmal, wenn sie ein wenig Zeit hat, setzt sie sich unter den Kastanienbaum in die Wiese. Sie schließt die Augen und denkt an die alten Tage zurück.

Die Kinder sind häufiger hier. Da stehen sie wieder und werfen mit Stöcken hinein in die Baumkrone und jubeln, wenn Kastanien prasseln. Sie springen hinzu und sammeln die Kastanien auf. Sie fühlen das Glatte und Braune in ihren geschlossenen Händen. Sie stecken sich Kastanien in ihre Taschen.

Die Kinder sind auf dem Weg nach Hause. Sie plaudern und prahlen mit den Kastanien, die sie erbeutet haben. Jan greift in die Tasche und zeigt seine vor. Dabei  fällt eine zu Boden, unbemerkt. Der nächste Junge tritt auf die Kastanie, unbemerkt. Er tritt sie hinein in die Erde. Die Kinder gehen weiter. Bald sind sie hinter dem Hügel verschwunden.

Die Erde hat sich über der Kastanie geschlossen. Da ruht sie nun, geborgen in warmer Dunkelheit. Tage und Wochen und Monate ziehen über ihr hin. Die Kastanie weiß nichts davon, sie fühlt nur die Kraft in sich, sie fühlt die Kraft rund in sich ruhen.

 

 


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